by mh on 27/05/2010
…irgendwas war anders, aber sie konnte nicht sagen was. Sie dachte nach, und dachte nach. Dachte dann nach, und nochmal, aber sie konnte nicht ausmachen, was es war. Deswegen dachte sie sich, dass sie besser später darüber nachdenken solle und ihre Gedanken ihrem Mann widmen sollte. Ihr Mann, der wie man bereits weiß der nette Lindt-Onkel war, brütete währenddessen über einer neuen Schokoladenkreation. Im Raum nebenan versuchten sich seine Kollegen, die netten Lindt-Neffen, an weiteren Rezepten. Er konnte sie noch nie wirklich leiden. Sie kamen ihm so hinterhältig vor. Und, wenn er ganz ehrlich war, schwul. Wer trug bitte diese bescheuerte Kochmütze 24/7? Im Hinterkopf, dass er die Chefetage im Nacken hatte, tüftelte er weiterhin an der neuen Kreation. Es sollte etwas außergewöhnliches, nie da gewesenes sein, etwas, wovon man in seinen kühnsten Träumen nicht zu träumen wagte.
Seit längerem schon hatte er einen Deal mit einer niederländischen Käsefirma. Die Kreation sollte eine Schokolade mit Käsegescmack sein. Extravagant, mit feinsten Spuren von schwarzem Trüffel. Mit keinem Ergebnis war er zufrieden. Deswegen war es auch genug für heute, und er machte sich auf den Heimweg. Ihm bereitete es Sorgen, dass es mit seiner Frau seit längerer Zeit nicht mehr so gut lief. Sie unterstellte ihm eine Affäre mit einer Niederländerin, was natürlich nicht stimmte. Die reine Wahrheit, dass er eine neue Schokoladensorte kreierte, kaufte sie ihm nicht ab. Trotz etlicher Beschwichtigungsversuche wie “Ich kreire dir eine Wurstschokolade” oder “Cremige Alpenmilch gefüllt mit feinstem Hack” beharrte sie auf ihrer Überzeugung.
Früher war Bernhards Leben schwierig gewesen. Nachdem er die Hauptschule abgebrochen hatte, kam ihm nur eins in den Sinn: Kochen. Und Essen natürlich. Damals war seine Figur nicht unbedingt das, was man als Adonis bezeichnen würde. Mit viel Fleiß, Ausdauer und einer Magenverkleinerung konnte er schließlich sein Wunschgewicht erreichen. Auf dem Höhepunkt seiner Figur wurde er jedoch kriminell, und er schämte sich dafür. Schon immer hatte er eine Vorliebe für Schokolade gehabt. Dies wurde ihm zum Verhängnis. Er ging auf Spielplätze, suchte sich willenschwache Kinder und brachte sie mit nach Hause. Dort fütterte er sie mit Schokolade, und wenn sie dann dich genug waren, rollte er sie den Berg, an dem er lebte, herunter. Als es aufflog, musste er sich vor Gericht verantworten. Es folgten magere Zeiten. In seinen Akten wurde er als “Der Hexer” genannt, angelehnt an Hänsel und Gretel.
by mh on 26/05/2010
Die Metzgersfrau kannte den kleinen Heinz schon seit seiner Geburt. Seine Mutter brachte ihn seither jedesmal mit, wenn sie Fleisch kaufen musste. Und das war recht häufig, denn irgendwo musste das Fleisch für Gulasch und Sauerbraten ja herkommen. Sie hatte noch nie etwas von Nachhaltigkeit oder Bio gehalten, aber die Metzgerei im Dorf war nur ein Paar Minuten zu Fuß, was bei ihrer Figur doch wirklich sehr praktisch war. Die Metzgersfrau, Gerda, mochte die Mutter und Heinz. Treue Kundschaft. Zahlende Kundschaft. Und Heinz freute sich jedesmal tierisch über die tote Scheibe Tier, die sie ihm mit ihren Wurstfingern zuschob. Dabei war sie sich über den Begriff Wurstfinger durchaus bewusst; es waren eben die Finger, mit welchen sie die Wurst machte. Das machte alles Sinn.
Gerda lebte auch nur ein Paar Fußminuten von der Metzgerei entfernt. Ihre Mutter war letztes Jahr gestorben, weswegen sie sich nur noch mehr in die Arbeit vertiefte. Bis tief in die Nacht nahm sie allerlei Getier aus, räucherte Schinken, und wenn der Chef mal nicht schaute, steckte sich sich heimlich Wurst mit ihren Wurstfingern in ihren Metzgersmund.
Dabei hätte sie garnicht arbeiten müssen. Ihr Mann, der nette Lindt-Onkel, verdiente mit seinem schleimigen Getue und den Werbeauftritten mehr als genug. Das Geld, das sie verdiente, legte sie vorsichtshalber an, denn sie war sich sicher, dass ihr Mann eine Affäre mit dieser seltsamen Holländerin hatte. Wenn er abends spät nach Hause kam, roch er oft nach Käse, seine Ausrede war mehr als fadenscheinig: Eine neue Schokoladenkreation mit Emmenthaler.
Auch heute kam die Heinz mit seiner Mutter wieder, und obwohl Heinz mittlerweile nicht mehr der kleine Heinz war, war er immer noch der kleine Heinz. Sie steckte ihm eine Scheibe Wurst zu, und Heinz war überglücklich.
Aber heute war irgendetwas anders…
by mh on 25/05/2010
Ein ♥ für Blogs.
Das Prinzip dürfte bekannt sein.
Wenn nicht, dann nicht.
Empfehlungen eben.
Generell alles in der Blogroll, würde ja nur Sinn machen.
Nochmals besonderes Augenmerk auf:
Bisaz Gute, nein sehr gute, nein wirklich gute, nein akjdhasdjh Texte.
b+ Kurz. Prägnant. Auf den Punkt. Punkt.
NUFAN No Use For A Name – No Use For A Description.
St. Burnster Lasst uns über Thunfischpizza und andere Phänomene reden.
Wolke Lyrik so luftig wie eine Wolke. Ok, das war schwach. Gutes Zeug eben.
Ich danke.
by mh on 25/05/2010
Was?
Das war die Frage.
Was sollte er den lieben langen Tag machen? Einfach nur da sitzen? Herrlich.
Die fleischgewordene Langeweile in Person.
Wenn man den ganzen Tag so rumsaß, fielen einem wirklich sinnlose Neologismen ein. Oder Dopplungen.
Mettwurst. Das war es, was ihm bei fleischgewordener Langeweile als allererstes in den Sinn kam. Eng damit verbunden: Die Metzgersfrau aus der Kindheit. Diese Dicke. Mit dem Damenbart. Vielleicht wurde es ihm deswegen immer ganz komisch, wenn er Oberlippenbärte sah. Egal, welches Geschlecht diese Haarpracht zierte. Aber es gab immer eine Scheibe Aufschnitt. Zusammengerollt mit den – Achtung – Wurstfingern. Vielleicht konnte er deswegen heute keinen Aufschnitt mehr essen, weil er an die Metzgersfrau mit dem Damenbart und den – Achtung – Wurstfingern denken musste.
Das alles fiel ihm ein, während er auf dem Bett saß, Kaffee trank und Schokolade aß. Ihm war erst letzte Woche bewusst geworden, dass es keine Milkakuh gibt; es hatte sein Weltbild verzerrt und alles aus den Fugen gebracht.
Daher stieg er auf Lindt um, und das wiederum erklärte seine akute Geldnot. Nun musste er nicht an weiß-lila Kühe mit Schriftzug vor malerischer Landschaft denken, wenn er wieder ein Stück Schokolade abbiss, sondern an den netten Onkel mit Kochmütze, der bestimmt auch gerne kleine Kinder mit Schokolade verführte und in seine Wohnung lockte. Dort bot er ihnen noch mehr Schokolade an, denn ihm gehörte schließlich Lindt, und wenn die Kinder dann zu fett zum Laufen waren, lachte er sie aus und rollte sie den Berg, an dem seine Wohnung lag, herunter.
Während ihm schon wieder eine Träne kam, weil er an die Kuh denken musste, rief es von unten herauf: “SOHN, ESSEN IS FERTISCH, KOMMSTE RUNTER, NÄ?!”
Der kleine Heinz, der inzwischen 45 war und immer noch in seinem Kinderzimmer unter dem Dach bei seinen Eltern wohnte, seufzte und wurde, wie jeden Tag, vor die schwierige Aufgabe gestellt: Runter zu Mutti, Gulasch essen und an die Metzgersfrau erinnert werden oder weiterhin Schokolade essen und eine weitere Träne verdrücken, weil er sein ganzes Leben lang in der Illusion einer lilafarbenen Kuh vor malerischer Landschaft gelebt hatte.
Restrealität.